Discover with SanTom.ch

Come along and experience the WORLD with us!

Die Osttibetischen Seelenberuehrer
Geschrieben von Sandra   
Wednesday, 1. November 2006

Eine freundliche junge Frau in traditioneller Kleidung gibt uns Zeichen, dass wir ihr folgen sollen. So laufen wir ihr zu viert mit Sack und Pack nach. Klettern ueber Steinmauern, gehen auf schmalen Trampelpfaden an Feldern vorbei, braun, gruen, chillyrot, bis wir zu ihrem Haus kommen. Einfach und aufs Nuetzlichste ausgenutzt... Sie laedt uns ein, im Wohnzimmer platz zu nehmen und erklaert uns mit Haenden, Fuessen und Dictionaire, dass wir jetzt zusammen zu ihrem Kind gehen wuerden, beim nebenan liegenden Schulhaus. Bei der Schule werden wir gleich umringt von 100en von Kindern die sich ueber uns freuen und wie immer ueber Thomas' Groesse staunen. Der Sohn wird uns vorgestellt. 11jaehrig, scheinbar von allen am besten genaehrt und ebenfalls sehr sympathisch. Er wird zu unserem Dorffuehrer gemacht und bringt uns dieses wunderschoene Oertchen noch ein Stueckchen naeher. Vorbei an prall gefuellten Obstbaeumen, traditionellen Steinhaeuser mit dem Goldgelb der trocknenden Maiskolben und dem Feuerrot der Chillyschoten auf deren Terrassen und immer wieder hohen schlanken Tuermen, welche ein Wahrzeichen dieser Gegend sind. Wir besuchen eines dieser Haeuser mit Turm und klettern in Baumstaemme gekerbte Treppenstufen Stock fuer Stock im duesteren Innern hoch. Auf dem Dach angekommen breitet sich vor uns eine wunderbare Aus-, Weit- und Einsicht aus. Der Herbst mit seinen schoensten Farben liegt vor uns, herzlichste Menschen sind unter uns und wir mitten drin.   


Herbstfarben


Weiter oben im Dorf treffen wir auf eine Zeremonie. Frauen und Maenner stehen im Halbkreis um einen Aschenberg, der still vor sich hinraeuchelt, grau und schwarze Gebetsfahnen wehen im Wind, Gebetstrommeln werden im Rhythmus gedreht und ein monotoner Chorgesang saeuselt uns alle ein. Eine Beerdigung. Wir nehmen still Anteil.


In unserem Gastgeberhaus riecht es bereits nach Essen, in der Kueche qualmt es, unsere  Augen brennen. Gekocht wird auf einem Herd ueber dem Feuer. Eingeheizt mit leeren Maiskolben.


rauch.... 

Wir bekommen eine Schale Buttertee. Eine Schuessel nach der anderen wird mit stillem Laecheln aufgetischt. Geraffelte Kartoffeln (tibetische Roesti?), Zuchetti mit feurigem Chilli, Suppe mit Spinatblaettern, Kohl, warmes Fladenbrot. Speckstuecke mit viiiiiiiel weiss und wenig rot. Ich nehme mir eine gescheibelte Kartoffel und merke beim ersten Bissen, dass das Fett pur ist in Kartoffelform... Die Winter muessen hier wohl auch sehr kalt sein... Wir bedanken uns immer wieder - unsere Gastgeberin winkt jedes Mal bescheiden ab. 
Unglaublich diese Gastfreundschaft.... Kann das wirklich sein??? Sind wir hier in eine Touristenfalle geraten??? Wir machen uns Sorgen, vor allem weil wir den Preis noch nich abgeklaert haben. Die Sorge verstaerkt sich, als der Mann ein DVD  einlegt. Danba, The Beauty Valley, mit englischem Untertitel... Wir sind uns einig, dass wir nach dem Film unbedingt den Preis abmachen muessen. Mit Haenden und Fussen versuchen wir unsere Kostensituation zu klaeren. Die Frau winkt ab und will nichts. Wir koennen das und ueberhaupt alles immer noch nicht recht glauben.

Ueber so viel Entgegenkommen und Offenheit im Herzen beruehrt, verbringen wir den Abend ohne viele Worte dafuer mit viel Lachen bei Memory und Schweinchenspiel. 

Unsere Strategieplaene ueber wie wir uns die Sofas aufteilen zum Schlafen waren auch um sonst... Wir werden nach oben in je ein Zweierzimmer gefuehrt mit Betten, Kissen, Decken und nie einen Dank annehmend. Die Toilette ist ebenfalls im 1. Stock - ein Balkon mit einem Loch und wunderschoener Aussicht, im Parterre ein sich fuellendes Fass. Wir machen mit dem Jungen ab, dass wir mit ihm morgen gerne zur Schule kommen wuerden. Er freut sich - wir uns noch mehr.

So werden wir nach einem tiefen Schlaf zum Fruehstueck geweckt. Warme Broetchen, tibetische "Roesti", selbstgestampfte Butter, Reis, kuhwarme Milch und Buttertee. Nach dem Essen begleiten wir Dushu in die Schule, Judith und Ronny entscheiden sich fuers Wandern.


Judith und Ronny mit unserer Familie

Im Klassenzimmer duerfen wir uns hinten rein setzen. Werden von der Klasse begruesst - so haben wir das verstanden, denn niemand spricht hier Englisch - in dem sie sich zu uns umdrehen und klatschen. Anschliessend stimmt die Lehrerin ein Lied an und 43 Kinder mit rotem Foulard um den Hals singen von Danba - das ist das einzige Wort, das wir verstanden haben. Danach Uebergang zu Zucht und Ordnung. Ruhig wird auf den Holzbaenklein gesessen, aufgestreckt wird mit der ganzen Hand, Daumen angewinkelt, alle anderen Finger gestreckter denn gestreckt, Handflaeche zur Wange. Beim Antworten wird aufgestanden, laut und deutlich gesprochen. Wir vermuten, dass wir in der Mandarin-Lektion sind. Wir blaettern im einen der zwei Schulbuecher, die jedes Kind hat. Fuer mich sehen sie aus wie Komiksbuechlein, duennes Papier, Komiksfiguren ueberall und scheinbar alle Faecher darin. Viel chinesische Zeichen, Lueckentexte, Algebra, zu hinterst ein paar Saetze auf Englisch. In der Pause versuchen wir mit der Lehrerin zu reden. Dass wir aus der Schweiz kommen und auch Lehrer sind, hat sie verstanden. Bei der Frage, nach dem Englisch im Buch schuettelt sie den Kopf. Dann deutet sie auf den Pausenplatz, wo ploetzliche Ruhe eingekehrt ist. Wir folgen ihr zu den in Reih und Glied strammstehenden Schueler.


 Rektor haelt Ansprache


Klein bis Gross, d.h. ca. 4- bis 12jaehrige hoeren dem Rektor zu, der eine Rede unter der chinesischen Flagge haelt. Am Schluss drehen sich auf sein Kommando alle um 90 Grad, dann wird von ihm kontrolliert, ob Schuhe gebunden und Foulard richtig geknuepft sind, bis Klasse um Klasse entlassen wird. Die Kinder gehen staunend an uns vorbei - dabei staunen wir doch ueber sie. Mathematik ist angesagt. Der Mathelehrer kommt rein, die Klasse erhebt sich, bruellt etwas und setzt sich wieder. Algebra-Gleichungen werden an die Wandtafel gekritzelt. Wir versuchen mitzuloesen. Ich erinnere mich wieder, dass das fuer mich schon in meiner Sekzeit chinesisch toente...



Zucht und Ordnung im Zimmer?


Schulschluss. Uns wird auch gleich klar, warum hier nur Halbtagesschule unterrichtet wird. Dushu geht nach Hause, wir wollen noch etwas in die Huegel und werden so von vielen Kindern auf ihrem Heimweg begleitet. Die einen neugieriger, die anderen schuechterner, andere mutig und frech. Wir geben Englischlektion on the go... Hello, what's your name, my name is und zaehlen bis 10. Heute war der gluecklich, welcher einen laengeren Weg hatte. Ein Junge hatte sich besonders mit Thomas angefreundet und machte uns immer wieder Zeichen, dass wir mit ihm essen sollten. Dankend nehmen wir an und freuen uns, eine weitere Familie kennen zu lernen. Haetten wir gewusst, dass er im letzten Haus wohnen wuerde, haetten wir es uns vielleicht nochmals ueberlegt. Sicher zwei Stunden kletterten wir Feldterrassen hoch - aber es hat sich gelohnt! Die Mutter und der aeltere Bruder luden uns sofort ein, im Haus Platz zu nehmen. Zwei Matraetzchen wurden gebracht zum Hinsetzen und Aepfel und Baumnuesse aufgetischt. Gleich dann wurde auch der Ofen eingeheizt. Brennender Rauch im ganzen Haus. Uns wurde das Haus gezeigt, traditionell, im gleichen Stil wie das"unserige". Trocknende Maiskolben und Chillischoten ueberall. Im Stroh Aepfel und Nuesse. Vier junge Geisslein, einige Schweinchen, Gans, Katze und Hund.


Englischlektionen on the go....

Wir sitzen zu fuenft um das Tischchen, geniessen ein weiteres Mal die Herzlichkeit dieser Menschen und essen tibetische "Roesti" mit weissem Speck, Bohnen und frisches Fladenbrot mit Honig. Kaum haben wir einen Schluck Buttertee getrunken, wird wieder randvoll aufgefuellt. Wieder erfahren wir, dass Sprachlosigkeit kein Hindernis zur Kommunikation ist. Als Zeichen unserer Dankbarkeit hinterlassen wir das einzige was wir im Sack haben - ein Garage Buehlmann Sackmesser - muessen aber erklaeren, wie ein solches funktioniert. Einer wunderbare Erfahrung reicher, einem Sack voll Aepfel und Nuessen, mit einem vollen und einem rumpelnden Bauch machen wir uns auf den schoenen aber langen Abstieg. In jedem Garten, in dem gearbeitet wird, wird uns freundlich zugewunken, bei jedem Baum, auf dem Birnen gepflueckt werden, werden uns welche geschenkt. 


hier waren wir zum Essen eingeladen


Zuerueck im Haus liegt Judith im Bett - sie fuehlt sich so, wie ich mich fuehle... So verbringen wir Frauen den Abend im Bett und auf dem "Balkon", die Maenner mit der Familie und deren Verwandten, die auf Besuch gekommen sind. In der Nacht stehen wir dann zu viert Schlange am Balkon - leider nicht, um den Sternenhimmel zu geniessen...

Unserer Gastfamilie ist es nirgends recht, sorgen sich sehr um uns und die Frau will nicht aufhoeren, uns zu bekochen. Dankend lehnen wir aber ab und entscheiden uns, am Nachmittag einen Minibus ins Hotel nach Danba zu nehmen. Als wir das unserer Gastgeberin mitteilen, will sie unbedingt, dass wir noch bleiben und uns auskurieren. Unsere Seele koennte das bestimmt, aber wir sind uns nicht sicher ob dies unser Bauch auch koennte... So holt sie kiloweise Aepfel fuer unsere Weiterreise und stopft all unsere Rucksaecke voll, bis wirklich kein Platz mehr vorhanden ist... 
Bevor wir gehen, zwingt sie uns fast, die extra fuer uns gekauften 2minutes noodles zu essen - wir nehmen dankbar an.


Einige Seelenberuehrer
 
Als wir ihr fuer die Uebernachtung und das Essen ihr etwas Geld geben wollen, lehnt sie ab. Auf uner innstaendiges Bitten nimmt sie dann an, will uns aber einen Teil zurueckgeben. Jetzt lehnen wir ab. Wenn sie wuesste, dass das nur ein symbolischer Betrag ist und fuer uns all das Erfahrene unbezahlbar ist... So bedanken wir uns herzlich - weil das eines der wenigen Worte ist, das wir auf Chinesisch sagen koennen und geben ihr noch ein Zettelchen, auf welches ich chinesischen Zeichen versucht habe abzuzeichnen in der Bedeutung von "ihr seid eine wundervolle Familie".

Zutiefst beruehrt in der Seele verabschieden wir uns und fahren nach Danba um unsere Baeuche auszukurrieren...